Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

Guot prawn mach also
Item Guot prawn mach also wiltu guote praun machen . So nym attich per vnd misch den recht durch einannder als das grun .
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0
Lagerküche-Tipp: Kein Speiserezept.
Willst du ein gutes Braun färben, mach es so:
Nimm Attichbeeren (Zwerg-Holunder) und zerreibe sie gründlich - genauso wie du beim Grün vorgehst.
Der zerquetschte Saft ergibt ein tiefviolett-braunes Farbbad, mit dem sich Wolle oder Leinen dauerhaft färben lassen. Das Rezept verweist auf die grüne Färbevorschrift als bekanntes Verfahren und ändert nur die Zutat.
Für die Praxis: Beeren in Wasser aufkochen, abseihen, Fasern (idealerweise vorab mit Alaun gebeizt) im Farbbad simmern lassen. Mit Eisenbeize verschiebt sich der Ton von Violett-Braun ins Dunkelgraue.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| attich per | Attichbeeren (Zwerg-Holunder) | Wald (Hochsommer bis Herbst) | Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) - ungiftig, ergibt helleres Violett-Blau |
Braun als Färbeergebnis, nicht als Gericht. Attich-Beeren liefern je nach Beize (Mordant) unterschiedliche Farbtöne: mit Alaun violett-braun, mit Eisensulfat dunkelgrau bis fast schwarz. 'Braun' ist hier die mittelalterliche Wahrnehmung des dunkelvioletten Tons auf Wolle oder Leinen.
Querverweis auf das Grün-Färberezept, das an anderer Stelle bei Meister Hans steht. Die Technik ist identisch - Pflanzenmaterial zerreiben, Farbbad bereiten, Fasern einlegen. Nur die Pflanze wechselt.
Beeren des Zwerg-Holunders (Sambucus ebulus). Klassische mittelalterliche Färbepflanze: Wurzeln geben Gelb, Blätter Grün, Beeren Violett-Braun bis Schwarz. Alle Pflanzenteile roh giftig; beim Kochen für das Farbbad werden die Giftstoffe neutralisiert.
Zerreiben und gründlich durchmischen - Standardformulierung für das Aufschließen von Pflanzenmaterial zur Farbstoffgewinnung.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
praun machen
Gewählte Lesart: Textilfärben in Braun - Herstellung eines braunen Farbbads aus Attichbeeren für Wolle oder Leinen.
Andere mögliche Lesarten:
als das grun
Gewählte Lesart: Querverweis auf ein Grün-Färberezept an anderer Stelle im Buch - gleiche Technik, andere Pflanze.
Andere mögliche Lesart:
Mittelalterliche Handschriften und Kochbücher enthielten regelmäßig gemischte Inhalte: Kochrezepte, Heilmittel, Haushaltspraktiken und Färbeanleitungen standen nebeneinander, weil sie denselben Haushalt betrafen. Meister Hans hat vermutlich auch andere Handwerksrezepte aufgenommen.
Je nach Beize (Mordant): ohne Beize oder mit Alaun (Kaliumalaun) ergibt sich ein kräftiges Violett-Braun. Mit Eisensulfat als Nachbeize verschiebt sich der Ton zu Dunkelgrau bis fast Schwarz. Auf Wolle satt, auf Leinen etwas blasser. 'Braun' ist die mittelalterliche Beschreibung des dunklen Tons.
Beeren in Wasser aufkochen (ca. 30-45 min), abseihen. Fasern vorab 1 Stunde in Alaunlösung (Alaun: ca. 15-20% des Fasergewichts) vorbeizen, auswringen. Im Farbbad bei mittlerer Hitze simmern bis zum gewünschten Ton. Kalt auswaschen. Das Rezept setzt diese Technik als bekannt voraus und nennt nur die abweichende Zutat.
Roh ja - alle Pflanzenteile des Zwerg-Holunders (Sambucus ebulus) enthalten Sambunigrin. Beim Aufkochen für das Farbbad werden die Giftstoffe abgebaut. Handschuhe beim Zerquetschen der rohen Beeren empfehlenswert.