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Der mittelalterliche Erdkeller - Sülze über den Sommer haltbar machen

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

SonstigesMittelHofküche
30 Min.Mengeneinheit nach BedarfRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Original - Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)

Der mittelalterliche Erdkeller - Sülze über den Sommer haltbar machen - Originalseite aus Rheinfränkisches Kochbuch
fol. 287r, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), Public Domain Mark 1.0

Transkription - Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)

Wiltu aber galreyen machen So lasz dir machen ein geschire von erden das ubir gleset sy dar in gus die galrein ein sommer vnd grab das geschirre indie erde einer spannen dieff So besteet sy.

fyndling.de 2026 (Vision-Transkription nach dem PD-Scan der SBB Berlin, Mgf 244, fol. 287r) - CC BY-NC-SA 4.0

Moderne Übersetzung

Lagerküche-Tipp: Konservierungs-Verfahren, im Gartenbeet auch heute noch nachstellbar.

Wie hält eine Sülze den heißen Sommer aus, wenn ein Kühlhaus noch nicht erfunden ist? Mit einem Verfahren, das thermisch wie ein moderner Kühlschrank funktioniert - dem Erdkeller-im-Topf.

Willst du Sülze machen, so lass dir ein irdenes Geschirr machen, das vollständig glasiert ist[1]. Gieß die Sülze hinein, einen Sommer[2] lang, und vergrabe das Geschirr eine Spanne[3] tief[4] in die Erde.

So besteht sie - sie hält sich über die heißesten Monate.

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
geschire von erden das ubir gleset sy 1 glasierter Tontopf (innen und außen vollständig glasiert, mit Deckel) Töpferei, Mittelalter-Markt, gut sortierter Haushaltswaren-Handel Steinzeug-Topf mit dichtem Deckel
galreyen ca. 1 L fertige, noch lauwarme Galree (z. B. aus den Vor-Rezepten rfk-010 bis rfk-013) Selbst herstellen aus Fischblasen-, Kalbsfuß- oder Hülsenfrucht-Pulver -

Anmerkungen

geschire von erden

Tongefäß - im 15. Jh. der Standard-Behälter für Vorräte aller Art. Wichtig: vollständig glasiert (`ubir gleset`), damit weder Boden-Feuchtigkeit eindringen noch Lebensmittel-Aromen austreten.

ubir gleset

„Übergaβen / vollständig glasiert" - Innen- und Außenseite des Topfes mit Bleiglasur oder Zinnglasur überzogen. Das macht das Gefäß lebensmittelecht und feuchtigkeitsdicht.

ein sommer

Mhd. temporaler Akkusativ „einen Sommer [lang]" - das Erdkeller-Verfahren wird explizit für die warme Jahreszeit beschrieben. Im Winter braucht man die Erdmasse-Kühlung nicht, weil dann ohnehin überall kalte Temperaturen herrschen.

einer spannen dieff

Eine Spanne = Handbreite = ca. 20 cm. `dieff` (= tief) zeigt im Scan eine klare doppel-f-Endung. Das Gefäß wird etwa 20 cm tief in die Erde versenkt, also gerade so weit, dass es vollständig im Erdmantel sitzt. Unterhalb der oberen Erdschicht beginnt der Bereich konstanter Tiefen-Temperatur.

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

einer spannen dieff

Häufige Fragen

Warum funktioniert das thermisch wirklich?

Unterhalb der Frostlinie und der oberen, von Sonnenstrahlung erwärmten Erdschicht (etwa eine Handbreite tief) bleibt die Erdtemperatur auch im heißen Sommer konstant bei ca. 10-12 °C. Das entspricht der Temperatur einer modernen Kellerkühlung. Bei 10 °C hält Aspik-Gelatine ihre feste Konsistenz und schmilzt nicht (Schmelzpunkt 25-35 °C). Mikrobielles Wachstum ist bei 10 °C stark verlangsamt - die Galree hält über Wochen.

Funktioniert das heute noch im Hausgarten?

Ja, absolut. Ein 25-30 cm tiefes Loch im Gartenbeet (idealerweise im Schatten), darin ein glasiertes Tongefäß mit fest schließendem Deckel, das Loch mit Erde überdeckt - schon hast du einen funktionierenden Erdkeller. Vor allem auf Berghängen oder im naturkühlen Bereich des Gartens hervorragend für Aspik, eingelegte Gurken, Sauerkraut oder Wein-Lagerung im Sommer geeignet.

Warum unbedingt glasiert?

Unglasiertes Tongefäß zieht Erdfeuchte durch die Poren und kann Schimmelsporen oder Bakterien ins Lebensmittel transportieren. Die Glasur (Blei- oder Zinnglasur im Mittelalter, heute meist Feldspat-Glasur) versiegelt die Keramik vollständig - es entsteht eine hygienische, unterirdische Vakuum-Versiegelung.

Wie lange hält die Galree dann?

Bei konstanten 10-12 °C und dichtem Verschluss problemlos 2-4 Wochen, mit Glück die ganze warme Jahreszeit. Wichtig: das Gefäß nach jedem Öffnen wieder schnell verschließen und im Boden lassen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Aus dem Rheinfränkischen Kochbuch (Ms. germ. fol. 244, fol. 287r), entstanden um 1445 in der Mittelrhein-Region. Die Handschrift liegt in der Staatsbibliothek zu Berlin.

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