Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnen Translate

Guanti (Ravioli), Teig-Rezepte für frittierte Pasta, mit Kichererbsen-Wasser oder Eiern

Libro della cocina (Anonimo Toscano) · Toskana, Italien · 1390

SonstigesLagerküche-tauglichViel InterpretationsspielraumMittelBeilageBürgerlichFastenspeiseHülsenfrüchtePasta
90 Min.4-6 PersonenAnonimo Toscano - Libro della cocina (~1390)

Original - Toskanisches Volgare (Ende 14. Jh.)

Guanti (Ravioli), Teig-Rezepte für frittierte Pasta, mit Kichererbsen-Wasser oder Eiern - Originalseite aus Anonimo Toscano - Libro della cocina
Zambrini-Edition Bologna 1863, S. 101 (De' guanti, cioè ravioli.) - Public Domain. Quelle: Internet Archive (illibrodellacuci00bolouoft, p101)

Transkription - Toskanisches Volgare (Ende 14. Jh.)

Togli ceci bianchi, ben immolli in l'acqua; lessali bene, poi cavati dell'acqua tritali forte e mestali con la detta acqua, e colali; e di quella acqua colata distempera la farina come tu vorrai: e friggasi a lento fuoco con lardo o oglio, e mettivi su del mele.

Altramente. Distempera la farina con l'ova, fa' di poi guanti o altro, come tu vuoli: poni a cocere bene in la padella con lardo caldo o oglio.

Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition, Basis: Zambrini 1863)

Moderne Übersetzung

Lagerküche-Tipp: Benötigt einen Topf zum Kochen der Kichererbsen und eine Pfanne zum Frittieren über offenem Feuer oder Glut.

Dieses Rezept gibt zwei Teig-Varianten für Guanti, eine toskanische Bezeichnung für Ravioli, die in der Pfanne ausgebacken werden.

Erste Variante (mit Kichererbsen-Wasser): Nimm weiße Kichererbsen, die du zuvor gut in Wasser eingeweicht hast. Koche sie gründlich. Nimm sie aus dem Wasser, zerstampfe sie kräftig und vermische sie mit dem Kochwasser. Seihe die Mischung durch ein Tuch oder Sieb ab. Mit diesem abgeseihten Kichererbsen-Wasser rühre das Mehl an, ganz nach deinem Belieben. Brate die so entstandenen Teigstücke bei schwacher Hitze in Schmalz oder Öl. Serviere sie mit Honig beträufelt.

Zweite Variante (mit Eiern): Rühre das Mehl mit Eiern an. Forme daraus *guanti* (Ravioli) oder andere Pasta-Formen, ganz nach Belieben. Backe sie gut in der Pfanne mit heißem Schmalz oder Öl.

Beide Varianten werden in der Pfanne gebraten oder frittiert, nicht in Salzwasser gekocht wie moderne Ravioli. Eine eventuelle Füllung (Fleisch, Innereien, Käse) wird im Originaltext nicht erwähnt, war im Toscano-Pasta-Cluster aber durchaus üblich, siehe etwa die parallele Stelle im *Liber de Coquina* (Mulon II.60).

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ceci bianchi Weiße Kichererbsen Supermarkt -
acqua Wasser Leitung -
farina Mehl - -
lardo Schmalz Metzger -
oglio Öl - -
mele Honig - -
ova Eier - -

Anmerkungen

ceci bianchi

Weiße Kichererbsen.

immolli

Eingeweicht.

lessali

Sieden, kochen.

tritali forte

Kräftig zerstampfen oder pürieren.

mestali

Vermischen.

colali

Abseihen, durch ein Tuch oder Sieb passieren.

distempera

Anrühren, vermischen, verdünnen.

friggasi a lento fuoco

Bei schwacher Hitze braten oder frittieren.

lardo

Schweineschmalz.

oglio

Öl, meist Olivenöl im toskanischen Kontext.

mele

Honig.

Altramente

Alternativ, auf andere Weise.

ova

Eier.

guanti, cioè ravioli

Der Originaltitel *De' guanti, cioè ravioli* enthält eine direkte philologische Identifikation: guanti = ravioli im toskanischen Sprachgebrauch des späten 14. Jahrhunderts. *Cioè* bedeutet „das heißt“ und glossiert den Begriff. Die Bezeichnung *guanti* (wörtlich „Handschuhe“) bezieht sich vermutlich auf die Falt-Form, bei der ein Teigquadrat über eine Füllung gefaltet wird, ähnlich der Form eines zugefalteten Handschuhs.

Wichtig zur Disambiguierung: Diese Bezeichnung *guanti* gilt nur für gefaltete Pasta-Teigtaschen. Moderne Verwirrung entsteht, weil *guanti* heute in italienischen Kochbüchern manchmal für ein frittiertes Karnevalsgebäck (Schmalzgebäck, „Chiacchiere/Cenci“) verwendet wird, das ist eine spätere Bedeutungsverschiebung. Im Anonimo Toscano ist *guanti* eindeutig Pasta-Form, belegt durch die Glosse *cioè ravioli* und die textgenetische Parallele in Mulon LdC II.60 *De rauiolis* (siehe scan_secondary).

padella

Pfanne.

ceci (Kichererbsen)

Kichererbsen (lat. cicer, it. ceci, span. garbanzo, mhd. kicher) waren im mittelalterlichen Europa eine Mittelmeer-Kulturpflanze. Hauptanbau in Süditalien (Apulien, Sizilien, Kampanien), Spanien (al-Andalus-Tradition), Maghreb, Levante. Sie brauchen warme trockene Sommer und sind nördlich der Alpen nicht eigenanbaubar - daher in deutschen, französischen und niederländischen Kochbüchern praktisch nicht vertreten. Selbst der deutsche Hofkoch Johannes von Bockenheim in Rom hat in seinem Registrum Coquine keine Kichererbsen-Rezepte. Die italienischen Quellen (Anonimo Toscano, Maestro Martino) zeigen Kichererbsen als alltägliche Hülsenfrucht der toskanischen und norditalienischen Küche, von Hirtenkost bis Patrizier-Bankett. Heute durch Klimawandel wieder lokaler Anbau in Süddeutschland (Pfalz, Baden, Franken) möglich.

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

tritali forte e mestali con la detta acqua, e colali

Gewählte Lesart: Diese Anweisung beschreibt das Zerstoßen der gekochten Kichererbsen und das Vermischen mit ihrem Kochwasser, gefolgt vom Abseihen. Dies erzeugt eine Art Kichererbsenmilch oder -fond, der als Flüssigkeit für den Teig dient.

guanti

Gewählte Lesart: Wir haben ‚Guanti‘ als ‚Handschuhe‘ übersetzt, um die wörtliche Bedeutung zu erhalten, aber im Kontext als eine Art frittiertes Gebäck erklärt. Dies ist eine bekannte Form von frittiertem Teig aus der italienischen Küche.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart wäre, ‚Guanti‘ als eine generische Bezeichnung für ‚Formen‘ zu verstehen, die man aus dem Teig herstellt. - Der Zusatz ‚o altro, come tu vuoli‘ (oder anderes, wie du möchtest) deutet auf eine gewisse Freiheit bei der Formgebung hin, was die spezifische Form der ‚Handschuhe‘ relativiert.

Häufige Fragen

Was sind ‚Guanti‘?

‚Guanti‘, wörtlich ‚Handschuhe‘, sind eine traditionelle italienische Gebäckform, die frittiert wird. Sie können süß oder herzhaft zubereitet werden und ähneln in ihrer Form oft kleinen, aufgeblasenen Teigtaschen oder Krapfen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind lagerfähig, und die Zubereitung (Kochen und Frittieren) lässt sich gut über offenem Feuer oder auf einer Glut mit einem Topf und einer Pfanne bewerkstelligen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Libro della cocina‘, auch bekannt als ‚Anonimo Toscano‘, einem Kochbuch aus dem späten 14. Jahrhundert, verfasst in toskanischem Volgare. Es bietet Einblicke in die bürgerliche Küche der Toskana dieser Epoche.

Wozu dient das Kichererbsenwasser in der ersten Variante?

Das Kichererbsenwasser, das beim Kochen der Kichererbsen entsteht, dient hier als Bindemittel für den Teig. Es enthält Stärke und Proteine, die dem Teig Struktur und eine gewisse Bindung verleihen, ähnlich der modernen Verwendung von Aquafaba als Ei-Ersatz.

← Alle Rezepte